Teisho

Koan-Schulung

In der ZEN-Linie „Leere Wolke“, Willigis Jäger, wird klassisches ZEN praktiziert. Der Gründer Willigis Jäger, Kyo-Un-Roshi, war Schüler des japanischen Meisters Ko-Un-Roshi. Er hatte bei ihm die Koan-Schulung durchlaufen. Da ich als ZEN-Lehrer und Leiter des Zendo-Merano der ZEN-Linie „Leere Wolke“ angehöre, wird auch im Zendo-Merano die Koan-Schulung angeboten.

 Was ist die Aufgabe der Koan-Schulung?

 Wenn sich eine Person intensiv auf die Suche nach dem Sinn des Lebens macht und sich entschieden hat, ZEN als eine Möglichkeit zur Beantwortung dieser Frage anzusehen, dann sucht dieser meist einen Lehrer auf. Damit beginnt ein Weg, der im Grunde sein ganzes Leben lang dauert. Weil Spiritualität in jedem Augenblick neu zu erfahren ist und diese Erfahrung oftmals von der Erleuchtung und die Integration dieser in den Alltag begleitet wird.

Diese Begleitung ist die Aufgabe des Meisters/Lehrer, der durch die individuelle Freiheit des ZEN den Schüler führt, ohne dessen Persönlichkeit zu missachten.

 Eine einschneidende Erfahrung, die ein erstes „Schmecken“ der Spiritualität bringt, ist die sogenannte Erleuchtung, was auf Japanisch „Kensho“ oder „Satori“ heißt. Sie kann nur erfahren werden, wenn der Übende sich völlig auf ein Loslassen aller Konzepte und Vorstellungen sowie eines Annehmens des „Jetzt“ einlässt. Dies ist ein Prozess, der sich oft über einen jahrelangen Zeitraum erstreckt und eine Begleitung eines ZEN-Lehrers bedarf. Eine Begleitung ist meist notwendig, weil Phänomene existieren, die einen daran hindern können, den Augenblick direkt und unmittelbar zu erfahren.

Um „auf dem Weg zu bleiben“, wird die Jahrtausende alte Übungsform der Koan-Schulung auch heute noch praktiziert.

Um gleich einem Irrtum entgegenzutreten, ist zu bemerken, dass Spiritualität, auch Wesensnatur, Buddhanatur o.ä. genannt, stets von an Beginn des Lebens besteht, der Zugang oftmals aber nur durch die Unzulänglichkeiten unseres Menschseins verdeckt ist. Es gibt also nichts zu erreichen auf dem ZEN-Weg, sondern nur ein Erfahren dessen zu machen, was schon immer vorhanden ist.

 Um also zur Koan-Schulung zu gelangen, muss der Übende dafür bereit sein und einen Lehrer gefunden haben, der mit ihm diese durchlaufen will. Daraufhin wird ein besonderes Verhältnis zwischen dem Lehrer und dem Übenden initiiert, wobei der Übende den Lehrer um diese Schulung bittet. Die Lehrer/Schüler-Beziehung ist damit auf den Weg gebracht und dauert solange, bis eine Person diese Beziehung auflösen möchte. Um sich auf diese besondere Beziehung und ihre damit verbundenen spirituellen Erfahrungen vertiefen zu können, wird diese Beziehung meist für ein Leben lang abgeschlossen. Das Lehrer/Schüler-Verhältnis im ZEN ist ein besonderes, wobei der Lehrer dem Schüler nicht etwas beibringt, sondern ihm eine Bestätigung der Spiritualität der Erfahrung gibt oder diese widerlegt. Der Schüler schaut also nur in einen Spiegel, der ihm direkt die Wirklichkeit vor Augen führt. Dabei ist der Schüler stets selbstverantwortlich und autonom in seinem Tun und der Lehrer gibt ihm Vorschläge, wie der Weg des ZEN bestritten werden kann. Der Schüler muss diesen nicht folgen, wenn er meint, dass diese nicht zum „Ziel“ führen. Ein gewisses Grundvertrauen sollte trotzdem dem Lehrer entgegen gebracht werden, da dieser stets mit Achtsamkeit und Intuition handelt, die aufgrund seiner spirituellen Erlebnisse entstanden sind.

Nachdem ein Lehrer/Schüler-Verhältnis begründet wurde, beginnt man stets mit einem Eingangs-Koan, das in fast allen ZEN-Linien mit Koan-Schulung angewandt wird. Es ist das Koan „Mu“, was aus dem Mumonkan-Roku (siehe weiter unten) als Fall 1 entnommen wurde. Bei der Arbeit mit diesem Koan wird stets versucht innerlich die Silbe „Mu“ zu wiederholen. Dabei erscheint es einem, als ob sich ein innerer Ton, der einem Brummen ähnelt, im Körper ausbreitet.

Man übt zunächst einmal mit MU nur während des Zazen. Später kann man es mit ein wenig Übung auf Alltags-Arbeiten ausweiten. Wie das vor sich geht und wann man es einsetzt, wird in der Regel im Dokusanraum besprochen.  

Die Dauer der Übung des Koans MU dauert solange, bis sich eine erste Erleuchtung, Kensho genannt, einstellt. Dieses Erleben ist auf jeden Fall mit mir abzuklären und wird in der Regel auch von mir überprüft. Dabei ist dies keine Prüfung im herkömmlichen Sinne, sondern eine Kontrolle auch für den, der eine Erleuchtung erfahren hatte. Eine eigenständige Beurteilung des Kensho sollte normalweise nicht vorgenommen werden, weil es einige Phänomene, insbesondere im parapsychologischen Bereich, gibt, die einer wirklichen Erleuchtung ähnlich, aber eben nur ähnlich, sind. Eine wirkliche Erleuchtung wird deshalb stets von einem Lehrer bestätigt, dessen eigene Erleuchtung ebenfalls von seinem eigenen Lehrer bestätigt wurde. So ergibt sich eine bestimmte Form der Garantie, eine wirkliche Erleuchtung erlebt zu haben. Da die Bestätigung stets vom Lehrer auf seinen Schüler erfolgt, ist eine durchgängige Bestätigung bis zum historischen Buddha, Siddharta Gautama, rückführbar.

 Warum ist aber diese Erleuchtung so wichtig? Kann sie nicht auch ausbleiben und an weiteren Koans gearbeitet werden?

 Nein, leider nicht. Erst wenn man eine wirkliche Erleuchtung erlebt hat, ist man in der Lage das Koan in seiner spirituellen Tiefe intuitiv zu erfassen und dieses auch zu „lösen“. Ansonsten bleibt die Lösung pure Spekulation und wird über Konzepte und Vorstellungen geleitet, was gegen eine wahre Spiritualität, nämlich des Erlebens des Seins, spricht. Und dies kann man erst mit einer tief erlebten Erleuchtung.  

Außerdem geht ein Mangel an Erleuchtung am Kern der Spiritualität vorbei, die eine Erfassung eines Augenblicks mittels Intuition ist. Die Intuition ist das Erfassen des Augenblicks ohne rationale Vorstellung. Nur sie verhindert Leid, was der historische Buddha in seiner eigenen Erleuchtung erfahren hat. Zum Thema „Leid“ wird auf andere Texte in meinem Buch „Form ist wirklich Leere“ verwiesen. 

 Wenn nun das Erlebnis der Erleuchtung bestätigt wurde, beginnt die eigentliche Koan-Schulung. Im Zendo-Merano werden dazu alle in der Zen Linie „Leere Wolke“ behandelten Koans gelöst. Dazu gehören folgende Sammlungen: „Gemischte Koans“ von Yamada Roshi, „Mumonkan-Roku“ und „Hekigan-Roku“. Weitere Koansammlungen sind „Shoyo-Roku“ und „Denko-Roku“, die aber nur in besonderen Situationen bearbeitet werden. 

Wie dann ein Koan bearbeitet und „gelöst“ wird, wird dann im Dokusan-Raum mit dem einzelnen Schüler individuell besprochen.

 Sollte der Schüler, die Schülerin mit den Koans nicht klarkommen oder diese von vorhinein nicht wünschen, gibt es im Zendo-Merano auch die Möglichkeit im „Shikantaza“ zu sitzen. Dieses ist ein Zustand der vollkommenen Präsenz, welches Zazen an sich zur Übung hat. Wer dazu Fragen hat, möge dies bitte im Dokusan-Raum mit mir besprechen. Grundsätzlich gehen wir allerdings im Zendo-Merano davon aus, dass jemand eine Koan-Schulung durchlaufen will. 

  Gassho!

Carsten Koßwig, 04.06.19

Meine ZEN-Lehre

ZEN kann jeder üben.

Es ist das "Nach Hause kommen", dem Wiederentdecken der eigenen Wesensnatur! Deshalb kann jede Person. die sich mit seiner Wesensnatur, seinem Selbst, auseinandersetzt, auch seine Konfession, seinen Glauben behalten. Denn ZEN hat kein Dogma, keine heilige Schrift oder keine Lehre im herkömmlichen Sinn. Der "Lehrer" ist dabei nur ein Begleiter auf dem Weg zur eigenen Wesensnatur (Selbst). So wie ein Bergführer, der den Bergsteiger begleitet,  die Richtung vorgibt und ihn versucht auf den Gipfel zu führen. Allerdings mit einemUnterschied: Er wird nicht "ins Seil genommen".Er darf deshalb den Weg frei und unabhängig wählen.

Für mich ist es deshalb wichtig zu betonen, dass ich nicht danach strebe, Menschen zu einem Mönchsleben zu bewegen. Ich bin der Meinung, dass ein solches Leben eine sehr einschränkende Lebensweise ist, die dem Wesen des ZEN widerspricht. Auch möchte ich keine "geschlossene" Gemeinschaft gründen, sondern eine offene, bei der jeder und jede seinen Platz hat, den ihm / ihr zusteht und in ihr aufgehen kann. Dabei stehen wir alle im "normalen Leben" und haben damit Teil an dessen Unannehmlichkeiten und Sorgen.

Auch sollt meiner Meinung nach derZEN - Übende sich nicht aus dem Alltag zurückziehen, sondern diesen annehmen und mit ihm üben. Der Alltag kann auf dem Weg zur Erkenntnis eine sehr große Hilfe sein.

Das Üben auf dem Kissen ist nur ein Teil des Weges. Die auf dem Kissen erworbene Achtsamkeit und das Loslassen von allen Vorstellungen, Meinungen und Wissen wird im Alltag weiter geübt.

Carsten Koßwig, Zen-Lehrer bestätigt durch Kyo Un Roshi und Assistenz-Lehrer der Zen-Linie "Leere Wolke"